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Die deutschen Operationen in Nordpolen und die Schlacht bei Lodz 1914
Markus P÷hlmann

Nach der erfolgreichen Abwehr der russischen Offensive gegen Ostpreußen im August/September 1914 hatten sich die Kämpfe zunächst nach Südpolen verlagert. Eine neu aufgestellte 9. Armee, an deren Spitze die „Sieger von Tannenberg" Generaloberst Paul von Hindenburg und sein Stabschef Generalmajor Erich Ludendorff berufen worden waren, sollte aus dem Raum Kattowitz und im Verband mit den österreichisch-ungarischen Verbündeten in Richtung auf die mittlere Weichsel - Warschau und Iwangorod - vorgehen. Doch traf dieser Angriff Mitte Oktober auf die russischen Heeresgruppe der Nordwestfront, die sich in der Bereitstellung für eine großangelegte Offensive auf Schlesien befand. Ende des Monats mussten sich die unterlegenen deutschen Truppen nach Westen zurückziehen. Am 1.11. wurde Hindenburg zum Oberbefehlshaber Ost (Oberost) ernannt, womit ihm die Führung der Operationen auf dem östlichen Kriegsschauplatz oblag. Die 9. Armee übernahm General der Kavallerie August von Mackensen.

Die akute Bedrohung suchte Oberost mit einer Rochade der in Südpolen stehenden 9. Armee zu begegnen, die mit der Eisenbahn rasch nach Norden, nach Westpreußen, verschoben wurde. Aus dem Raum Thorn heraus sollte die Armee die auf Schlesien vorrückende russische Armee in der rechten Flanke fassen. Am 10.11. begann der Angriff der 9. Armee, der die russische Führung zunächst überraschte. Bei Wlozlawek (12.11.) und Kutno (16.11.) gelang es, Teile der russischen 1. Armee zu schlagen, die sich aber zurückziehen konnten. Jetzt schwenkte die 9. Armee nach Süden gegen die Stadt Lodz ein, wo die Hauptmasse der russischen Heeresgruppe vermutet wurde.

Die Witterungsbedingungen verschlechterten sich zusehends, die Truppen waren durch die vorangegangenen Kämpfe und Märsche stark beansprucht. Mit jedem Marschtag hing die Versorgung weiter nach. Winterausstattung hatten die Soldaten bislang nicht erhalten, die Pferde trugen noch den Sommerbeschlag. Am 17.11. begannen nördlich von Lodz die Kämpfe. Mackensens Absicht war es, den Gegner, von Norden kommend, beiderseits der Stadt zu umfassen und einzukesseln - angesichts der schwachen eigenen Kräfte und der langen ungeschützten linken Flanke ein äußerst riskanter Plan. Wie riskant, sollte sich schon am 23.11. zeigen, als plötzlich im Rücken des XXV. Reservekorps (General der Infanterie Freiherr von Scheffer-Boyadel) russische Verstärkungen auftauchten, die nun ihrerseits das östlich an Lodz vorbeigehende deutsche Korps einzuschließen drohten. Für die 9. Armee wurde damit die Lage prekär. Gerade noch in der Umfassungsoffensive begriffen, war mittlerweile der Zusammenhang der Armee zerrissen, die Luftaufklärung meldete weitere russische Verbände im Anmarsch und das XXV. Reservekorps schien verloren. Die Befehlsverhältnisse bei dem eingeschlossenen Korps Scheffer gestalteten sich ebenso schwierig. In dieser Lage machte in der Nacht zum 24.11. die 3. Garde-Infanterie-Division (Generalleutnant Karl Litzmann) selbständig kehrt und brach nach Norden auf die Ortschaft Brzeziny durch. Durch diesen Verzweiflungsakt gelang es, den Ring um das XXV. Reservekorps zu sprengen und bis zum 25.11. eine neue, zusammenhängende Abwehrfront zu errichten. Aus dieser nahm die Armee den Kampf wieder auf und eroberte schließlich am 6.12. Lodz, einen der wichtigsten Industriestandorte und Verkehrsknotenpunkte in Russischen-Polen. Danach ging die Ostfront in den Stellungskrieg über. Die deutschen Gefechtsverluste der Operation in Nordpolen zwischen 10.11. und dem Jahresende 1914 bezeichnete das Reichsarchiv mit rund 100.000 Mann. Darunter waren 36.000 Gefallene, davon wiederum knapp 10.000 im Raum Lodz.

Die Kämpfe um Lodz können als ein gutes Beispiel für den im Herbst 1914 zu Ende gehenden Bewegungskrieg mit Massenheeren angeführt werden. Die Bedeutung der Verkehrswege hatte sich schon bei der Verlegung der 9. Armee von Schlesien nach Westpreußen gezeigt. Die russische Armee ihrerseits konnte bei der Verstärkung der vor Lodz kämpfenden Verbände auf die bereits im Frieden vorbereiteten Eisenbahnen bauen. Die Kämpfe gestalteten sich vornehmlich als Begegnungsgefechte. Dabei kam es auch zu blutigen Ortskämpfen (Kutno, Brzeziny) und taktisch schwierigen Waldkämpfen (Wiontschyn), welche teilweise auch nachts stattfanden. Die Kommunikation gestaltete sich vor diesem Hintergrund auf allen Führungsebenen schwierig. Bei der Aufklärung traten nun auch Flugzeuge und ein zunächst noch improvisierter Funknachrichtendienst in Erscheinung. Die im Verlauf der Kämpfe in Ostpreußen deutlich gewordenen Unterschiede zwischen der deutschen und der russischen Armee standen hier erneut auf dem Prüfstand: Die Deutschen in zahlenmäßiger Unterzahl vertrauten auf die Qualität von Truppe und Führung und versuchten den Gegner durch schnelle Operationen auszumanövrieren und zu umfassen. Doch die russische Armee hatte seit Tannenberg gelernt. Neben die ohnehin lange anerkannte Hartnäckigkeit in der Verteidigung trat bei den Kämpfen um Lodz eine - in den Worten der amtlichen deutschen Geschichte - „Entschlußfreudigkeit der russischen Führung und eine Wendigkeit der Truppenkörper, die man vielleicht doch nicht ganz erwartet hatte" (Reichsarchiv, Der Weltkrieg 1914-1918, Bd. 6, S. 221). Die Entscheidung des Oberkommandos der 9. Armee, mit unzureichenden und geschwächten Truppen den Gegner beidseitig umfassen zu wollen, sollte in der amtlichen Darstellung von 1929 eine zwischen den Zeilen zu lesende Kritik erfahren, die sicher noch deutlicher ausgefallen wäre, wenn die Krise vom 24.11. nicht durch den Durchbruch auf Brzeziny bereinigt worden wäre.

[Der Beitrag verwendet die historischen Ortsnamen. Diese sind mit heutigen polnischen Namen teilweise nicht identisch. Doch erleichtert es dieses Verfahren, den Operationsverlauf am historischen Kartenmaterial nachzuvollziehen.]

Weiterführende Literatur:

Die Schlacht bei Lodz. Unter Benutzung amtlicher Quellen bearbeitet von Major von Wulffen, Oldenburg 1918 (= Der große Krieg in Einzeldarstellungen; hg. vom Generalstab des Feldheeres, Heft 19)

Curt von Morgen, Meiner Truppen Heldenkämpfe, Berlin 1920 (Morgen war Kommandierender General des I. Reservekorps)

Karl Litzmann, Lebenserinnerungen. Bd. 1, Berlin 1927 (Litzmann war Kommandeur der 3. Garde-Infanterie-Division)

Reichsarchiv (Hg.), Der Weltkrieg 1914-1918, Bd. 6, Berlin 1929 (amtliche Darstellung bis herunter auf die Divisionsebene; enthält Kartenmaterial und Kriegsgliederungen)

August von Mackensen, Briefe und Aufzeichnungen des Generalfeldmarschalls aus Krieg und Frieden. Bearbeitet und mit geschichtlichem Begleittext versehen von Wolfgang Forester, Leipzig 1938 (Mackensen war Oberbefehlshaber der 9. Armee)

Theo Schwarzmüller, Zwischen Kaiser und „Führer". Generalfeldmarschall August von Mackensen. Eine politische Biographie, Paderborn (3. Auflage) 1997


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